Re: Impfpflicht
Verfasst: 18. Mai 2020, 13:25
Liebe alle
Der italienischsprachige Kanton Tessin ist geographisch Bestandteil von Norditalien, vom Rest der Schweiz abgetrennt durch die Alpen. Als es in Norditalien losging, haben die kantonalen Behörden frühzeitig Gas gegeben, wofür sie auf Bundesebene und in den Deutschschweizer Kantonen damals noch belächelt wurden. Innert Kürze wurde das ganze kantonale Spitalsystem umgekrempelt, auf kantonaler Ebene Lockdowns verfügt. Die Welle schwappte über, und die geschaffene Anzahl Intensivbetten zusammen mit einigen Auslagerungen von Patienten in andere Kantone hat im Tessin ganz knapp ausgereicht. Wären die Massnahmen nur wenige Tage später in Gang gekommen (wie im Rest der Schweiz), wäre das Gesundheitssystem zusammengebrochen.
Manche Kantone in der Nordostschweiz hatten bis heute nur eine Handvoll Covid-Patienten. Entsprechend unterschiedlich ist die Wahrnehmung des Ganzen in verschiedenen Teilen der Schweiz, und auch die Bereitschaft, fortdauernde Einschränkungen oder eine Impfpflicht auf sich zu nehmen, oder eben nicht. Der Süd- und Westschweiz gehen die Lockerungen viel zu schnell, dem Rest der Schweiz viel zu langsam.
Wir haben hier aus den schwerer betroffenen Kantonen ausreichend Berichte von Ärzten, Pflegenden, Patienten, Angehörigen aus dieser zum Glück nur kurz dauernden Phase. Äusserst eindrückliche Berichte. Und das betrifft nicht nur Alte, Kranke. Ich bin jung, gesund, keine Vorerkrankungen - aber ich habe gewaltig Respekt vor dieser Krankheit, niemand garantiert mir, dass ich sie mild/symptomfrei habe, ich möchte sie auf keinen Fall bekommen. Ich kenne mehrere Leute in Pflegeberufen, auch solche, die auf Covid-Stationen arbeiten, und allesamt haben null Verständnis für Kritik an den getroffenen Massnahmen und an Verharmlosungen der Sache.
Wie einige hiesige Kantone haben auch Deutschland und auch Österreich die Erfahrung, dass man nur ganz knapp an der Katastrophe vorbei geschrammt ist, im Gegensatz zur Südschweiz (glücklicherweise) nie gemacht. Ich glaube, sämtliche Verharmlosungen der Krankheit, der möglichen Auswirkungen, des Nutzens von Massnahmen, können nur aus einer solchen Position der Verschonten heraus stattfinden. Nicht umsonst gab und gibt es in Italien, Spanien, auch Frankreich, keinen nennenswerten Widerstand, sondern macht die Bevölkerung bei sehr einschneidenden und lange dauernden Massnahmen klaglos mit.
Ob verschont oder nicht: Wir leben in demokratischen Rechtsstaaten und müssen nicht wie eine Schafherde der Regierung hinterhertrotten. Man kann, darf und soll kritisch hinterfragen, gerade, wo es um Grundrechte geht. Wie lange und in welchem Ausmass ist eine Einschränkung von Bewegungsfreiheit gerechtfertigt? Von Versammlungsfreiheit? Von Eingriffen in die Eigentums- und Wirtschaftsfreiheit? Wer profitiert allenfalls in unangemessener Weise von den wirtschaftlichen Unterstützungsmassnahmen, und wie kam es dazu? Wie viel Wert ist dem Verhindern einer zweiten Welle gegenüber diesen Eingriffen zuzumessen?
Aber bevor man Verschwörungstheorien wälzt, soll man bitte bedenken, dass auch Regierungs- und Behördenmitglieder Menschen sind, Fehler machen, die meisten der bisherigen Massnahmen mussten auf Grundlage von "man weiss schlicht noch viel zu wenig" getroffen werden. Im Nachhinein ist man immer klüger. Im Nachhinein erkennt man vielleicht, dass in manchen Gegenden einige Beschränkungen gar nicht notwendig gewesen wären, alles übertrieben scheint. Aber wer wollte zum Vornherein die Hand dafür ins Feuer legen? Wer würde die Verantwortung tragen wollen, Zustände wie in Norditalien zu riskieren?
Zum eigentlichen Thema Impfpflicht. Ich selber würde mich impfen lassen, aber mich vehement gegen eine Pflicht wehren. Eingriffe in die körperliche Integrität und Selbstbestimmung müssen sehr gut abgewogen und wissenschaftlich und demokratisch legitimiert sein. Erst recht gilt dies für allenfalls ziemlich "husch-husch" erarbeitete und gestestete Impfstoffe, und solche neuartiger Art. Die Diskussion wird geführt werden müssen. Jedenfalls dann, wenn (falls) dereinst Impfungen zur Verfügung stehen. Sie wird auch geführt werden dürfen. In keinem unserer mitteleuropäischen Staaten besteht die Gefahr, dass so etwas an der Bevölkerung und nötigenfalls an einer verfassungsgerichtlichen Beurteilung vorbei durchgedrückt und auch wirklich durchgesetzt werden kann.
Liebe Grüsse
Cestca
(die übrigens anfangs Mai mit einem schweren grippalen Infekt schon einen Covid-Test machen "durfte", zum Gück negativ)
Der italienischsprachige Kanton Tessin ist geographisch Bestandteil von Norditalien, vom Rest der Schweiz abgetrennt durch die Alpen. Als es in Norditalien losging, haben die kantonalen Behörden frühzeitig Gas gegeben, wofür sie auf Bundesebene und in den Deutschschweizer Kantonen damals noch belächelt wurden. Innert Kürze wurde das ganze kantonale Spitalsystem umgekrempelt, auf kantonaler Ebene Lockdowns verfügt. Die Welle schwappte über, und die geschaffene Anzahl Intensivbetten zusammen mit einigen Auslagerungen von Patienten in andere Kantone hat im Tessin ganz knapp ausgereicht. Wären die Massnahmen nur wenige Tage später in Gang gekommen (wie im Rest der Schweiz), wäre das Gesundheitssystem zusammengebrochen.
Manche Kantone in der Nordostschweiz hatten bis heute nur eine Handvoll Covid-Patienten. Entsprechend unterschiedlich ist die Wahrnehmung des Ganzen in verschiedenen Teilen der Schweiz, und auch die Bereitschaft, fortdauernde Einschränkungen oder eine Impfpflicht auf sich zu nehmen, oder eben nicht. Der Süd- und Westschweiz gehen die Lockerungen viel zu schnell, dem Rest der Schweiz viel zu langsam.
Wir haben hier aus den schwerer betroffenen Kantonen ausreichend Berichte von Ärzten, Pflegenden, Patienten, Angehörigen aus dieser zum Glück nur kurz dauernden Phase. Äusserst eindrückliche Berichte. Und das betrifft nicht nur Alte, Kranke. Ich bin jung, gesund, keine Vorerkrankungen - aber ich habe gewaltig Respekt vor dieser Krankheit, niemand garantiert mir, dass ich sie mild/symptomfrei habe, ich möchte sie auf keinen Fall bekommen. Ich kenne mehrere Leute in Pflegeberufen, auch solche, die auf Covid-Stationen arbeiten, und allesamt haben null Verständnis für Kritik an den getroffenen Massnahmen und an Verharmlosungen der Sache.
Wie einige hiesige Kantone haben auch Deutschland und auch Österreich die Erfahrung, dass man nur ganz knapp an der Katastrophe vorbei geschrammt ist, im Gegensatz zur Südschweiz (glücklicherweise) nie gemacht. Ich glaube, sämtliche Verharmlosungen der Krankheit, der möglichen Auswirkungen, des Nutzens von Massnahmen, können nur aus einer solchen Position der Verschonten heraus stattfinden. Nicht umsonst gab und gibt es in Italien, Spanien, auch Frankreich, keinen nennenswerten Widerstand, sondern macht die Bevölkerung bei sehr einschneidenden und lange dauernden Massnahmen klaglos mit.
Ob verschont oder nicht: Wir leben in demokratischen Rechtsstaaten und müssen nicht wie eine Schafherde der Regierung hinterhertrotten. Man kann, darf und soll kritisch hinterfragen, gerade, wo es um Grundrechte geht. Wie lange und in welchem Ausmass ist eine Einschränkung von Bewegungsfreiheit gerechtfertigt? Von Versammlungsfreiheit? Von Eingriffen in die Eigentums- und Wirtschaftsfreiheit? Wer profitiert allenfalls in unangemessener Weise von den wirtschaftlichen Unterstützungsmassnahmen, und wie kam es dazu? Wie viel Wert ist dem Verhindern einer zweiten Welle gegenüber diesen Eingriffen zuzumessen?
Aber bevor man Verschwörungstheorien wälzt, soll man bitte bedenken, dass auch Regierungs- und Behördenmitglieder Menschen sind, Fehler machen, die meisten der bisherigen Massnahmen mussten auf Grundlage von "man weiss schlicht noch viel zu wenig" getroffen werden. Im Nachhinein ist man immer klüger. Im Nachhinein erkennt man vielleicht, dass in manchen Gegenden einige Beschränkungen gar nicht notwendig gewesen wären, alles übertrieben scheint. Aber wer wollte zum Vornherein die Hand dafür ins Feuer legen? Wer würde die Verantwortung tragen wollen, Zustände wie in Norditalien zu riskieren?
Zum eigentlichen Thema Impfpflicht. Ich selber würde mich impfen lassen, aber mich vehement gegen eine Pflicht wehren. Eingriffe in die körperliche Integrität und Selbstbestimmung müssen sehr gut abgewogen und wissenschaftlich und demokratisch legitimiert sein. Erst recht gilt dies für allenfalls ziemlich "husch-husch" erarbeitete und gestestete Impfstoffe, und solche neuartiger Art. Die Diskussion wird geführt werden müssen. Jedenfalls dann, wenn (falls) dereinst Impfungen zur Verfügung stehen. Sie wird auch geführt werden dürfen. In keinem unserer mitteleuropäischen Staaten besteht die Gefahr, dass so etwas an der Bevölkerung und nötigenfalls an einer verfassungsgerichtlichen Beurteilung vorbei durchgedrückt und auch wirklich durchgesetzt werden kann.
Liebe Grüsse
Cestca
(die übrigens anfangs Mai mit einem schweren grippalen Infekt schon einen Covid-Test machen "durfte", zum Gück negativ)