Liebe Nirbheeti,
Nirbheeti hat geschrieben:
Mitgeschrieben habe ich: Schuldgefühle - 4. Tiefe!!! Dazu passt der Zeigefinger, den ich anklagend auf Andere oder auf mich selbst richten kann. Womit ich dann auch den Anderen oder mich richte. Als ob wir das Thema langsam einkreisen und zum Mittelpunkt vordringen...
Ja natürlich der Zeigefinger: Die Angst vor Strafe: wie habe ich den bloss vergessen können!
Nirbheeti hat geschrieben:
Vielleicht sollten wir uns erst einmal darüber austauschen, was wir mit "Schuld" und "Schuldgefühl" meinen.
Ausgezeichnete Idee! Weiter unten werde ich auch verschiedene mögliche Definitionen vorschlagen.
Nirbheeti hat geschrieben:
Im Gegensatz zu Blueberry ist für mich die Möglichkeit, "es wieder gut zu machen" nicht gleichgesetzt mit dem "Bemühen, dieses Gefühl loszuwerden".
Da hast Du mich falsch verstanden: keine Gleichsetzung beabsichtigt, sondern eine Aufzählung von möglichen Motivationen, sich zu bemühen.
Nirbheeti hat geschrieben:
Es gehört eine Menge Kreativität dazu, aus einer verfahrenen Situation durch tiefgründiges Verstehen der Gesamtsituation den Ausweg in Richtung Liebe und Achtung zu finden, statt vor ihr zu kapitulieren. Dann mündet die verfahrene Situation in einen Wachstumsprozess.
Das sehe ich ganz genauso!
Nirbheeti hat geschrieben:
Diese Möglichkeit möchte ich mir nicht durch den Glauben nehmen, dass es keine Schuld gebe. Der Prozess führt als erstes zu der Frage: Ist es überhaupt "Schuld" in diesem schicksalhaften Sinn? Dann kommt die Frage der Anteile: Welcher ist meiner, was müssen Andere bearbeiten?
Das innerliche Fühlen von Schuld gibt es natürlich. Und wenn ich zusätzlich glaube, dass das, was ich wahrnehme (die „Anderen“ und deren Verhalten oder Fehlverhalten) tatsächlich auch ausserhalb von mir existiert (im Gegensatz zu „look inside for everything“), dann ist es nur logisch zu glauben, dass auch Schuld an sich existiert.
Nirbheeti hat geschrieben:
Ich plädiere dafür, bei Auftauchen von Schuldgefühl weder zu sagen: Ich glaub da nicht dran, noch darin zu versinken oder zu erstarren, sondern ihm ganz wach nachzugehen. Es meldet uns etwas Wichtiges. Sozusagen ein Schmerz der Seele.
Ja das ist genau das, was ich mit „Integrieren des Schuldgefühls“ meine: Tatsächlich zu akzeptieren, dieses Gefühl zu fühlen, statt es wie gewohnt wegzuschieben, weil es sich beschissen anfühlt.
Also hier nun meine Definitionsvorschläge zum Thema „Schuld“:
Das Wort „Schuld“ kann mehrere Dinge bedeuten (insbesondere in der deutschen Sprache), was manchmal zur Konfusion beitragen kann.
1)„Ich schulde jemandem etwas“ (z.B. Geld, einen Gefallen usw.). Es handelt sich dabei um die Ebene des zwischenmenschlichen Austausches. Auf dieser Ebene existiert Schuld natürlich (jeder Bankangestellter kann das beweisen

): Ich habe etwas bekommen/genommen und muss es unter irgendeiner Form zurückgeben. Wenn ich das aus irgendeinem Grund nicht kann, dann fühle ich mich unter Umständen schlecht (= „Ich habe eine Schuld“), auch wenn diese Schuld auf der Ebene des Austausches an sich nichts Schlechtes ist (man könnte auch sagen, sie ist die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens)
2) Schuld als Begriff in der Rechtsprechung: Ich habe ein Gesetz übertreten oder jemand ist durch mich zu Schaden gekommen, bzw. es wird angenommen, dass dieses so ist. In der Folge werde ich als schuldig erklärt, unabhängig davon, ob ich mich selbst schuldig fühle. Auf dieser Ebene existiert Schuld wie in 1), und hängt eng mit dem Begriff des Fehlverhaltens, der „Sünde“(ganz besonders innerhalb des jüdisch-christlichen Kulturkreises), dem „Schlechten“ und „Bösen“ zusammen, die auf dieser Ebene ebenfalls zu existieren scheinen. Diese Art von Schuld ist relativ: dasselbe Verhalten hat nicht das gleiche Schuldpotential bei verschiedenen ethnischen Gruppen oder Gesellschaften.
Und hier ist auch die Verbindung zum Zeigefinger: die Angst vor Strafe, die ich entweder selber fühle, wenn ich mich schuldig fühle (weil ich ein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz übertreten habe oder glaube, dieses getan zu haben), oder von der ich will, dass der Andere sie fühlt, weil ich selbst glaube, dass er ein Gesetz übertreten hat und deswegen gefälligst Angst vor Strafe empfinden soll, wenn er sich schon nicht selbst schuldig fühlt.
3)„Ich bin Schuld an etwas“ (mein Handeln ist/war die Ursache einer folgenden Ereigniskette, die an sich weder gut noch schlecht ist, aber eventuell von mir als gut oder schlecht etikettiert werden kann). Jeder einzelne meiner Gedanken, Worte und Taten ist die Ursache von sich daraus erfolgenden Gedanken, Worten und Taten. In diesem Sinne bin ich grundsätzlich verantwortlich (=schuldig) für alle Ereignisse, die sich aus meinen Gedanken, Worten und Taten ergeben. Wenn die Ereigniskette von mir als „schlecht“ etikettiert wird, fühle ich mich eventuell schuldig. Wenn die Ereigniskette von mir als „gut“ etikettiert wird, fühle ich keine Schuld, obwohl ich gleichermassen (wie bei der „schlechten“ Ereigniskette) die Ursache bin:
Ich kann z.B. Schuld daran sein, dass mein Mann den Bus verpasst und deswegen sein Flugzeug verpasst und deswegen nicht da ist, wo er zum Zeitpunkt X sein sollte und deswegen seine Arbeit verliert, etc etc: = „schlechte“ Ereigniskette: ich fühle mich schuldig.
Ich kann genauso gut Schuld daran sein, dass mein Mann den Bus verpasst und deswegen das Flugzeug verpasst, das eine halbe Stunde später (ohne ihn) abstürzt: Ich fühle mich nicht schuldig, sondern im Gegenteil erleichtert.
Es gibt also einen Unterschied zwischen den Sachebenen 1) „eine Schuld haben“ oder 3)„schuldig sein“ und der Gefühlsebene „sich schuldig fühlen“
Probleme treten dann auf, wenn die Sachebene (eine Schuld haben oder die Ursache von etwas sein) mit der Gefühlsebene (ich fühle mich schlecht) vermischt wird: Plötzlich wird der neutrale Begriff „Schuld“ zu etwas Schlechtem wie in 2)
Die Aussage „es gibt keine Schuld“ bedeutet: „im Absoluten gibt es nichts Schlechtes, weswegen ich mich schuldig fühlen müsste (oder anderen Schuldgefühle machen müsste)“
Aber das bezieht sich natürlich auf eine ganz andere Ebene als 1) oder 2) : Es ist die Ebene, auf der es keine Dualität mehr gibt, kein gut und böse, keine Sünde und daher auch keine Schuld.
Viele Grüsse
blueberry